Predigt zum Invocavit 21.02.2021

von Diakonin Elisabeth Krauß

Liebe Gemeinde, ich möchte mich Ihnen kurz vorstellen. Mein Name ist Bartholomäus. Ja, sie haben richtig geraten. Ich bin ein Jünger Jesu. Und ich war von Anfang an dabei. Ich war dabei, als Jesus seine Freunde und Freundinnen um sich versammelt hat. Ich war dabei, als Jesus zu predigen begann und viele Menschen zusammengekommen sind, nur um ihn zu hören. Ich war dabei, als Jesus Wunder vollbrachte und er Menschen heilte an Leib und Seele. Ich war dabei, als wir in Jerusalem angekommen sind unter den Jubelschreien der Menschen. Und ich war dabei, als es Nacht um uns wurde – damals, als der Weg zum Kreuz und damit zum Tod Jesu begann. Nur mit großer Trauer erinnere ich mich an diesen Moment. Ja, Dunkelheit umgab uns – tiefschwarze Nacht. Nacht – das steht ja für alles Dunkle in unserem Leben, für Leid und Krankheit, für Schmerzen und Tod. Die Nacht ist der Raum der Täuschungen und heimlichen Handlungen, auch der dunklen Mächte. Die Nacht steht aber auch für alles Chaotische, Ungeordnete und Unbekannte. Vor allem aber ist die Nacht ein Symbol für Gottes Ferne. Aber ich will der Reihe nach erzählen: Es war der Tag vor Jesu Tod. Wir waren eine muntere Runde und saßen um einen Tisch. In der Mitte stand eine Schale mit Brot und Schüsseln mit Oliven und anderen leckeren Sachen. Wir redeten, gestikulierten, ließen uns Wein nachschenken und sahen immer wieder zu Jesus in unserer Mitte. Wir feierten das Paschafest und die Stimmung war ausgelassen. Da sagt Jesus: „Wirklich so ist es: Einer von euch wird mich ausliefern. Verraten!“ Seine Stimme bebt und sein Blick ist traurig. Plötzlich herrscht Schweigen. Ein dunkler Schatten hat sich über die Stimmung, ja über unsere Gemeinschaft gelegt. Alle sehen sich betroffen an. Alle denken: Bin ich es? Werde ich Jesus verraten? Oder wer ist es von uns? Ja, Dunkelheit breitet sich aus. Auch ich war entsetzt. Bin es etwa ich? Und in mir tauchen Erinnerungen auf, wo ich nicht mutig aufgetreten bin gegenüber anderen und für das Gute und Richtige gekämpft habe. Wo mein Schweigen Verrat an Jesus war. Ich erinnere mich an Menschen, die meine Hilfe gebraucht hätten, die ein tröstende und heilende Geste aufgerichtet hätte und ich habe nichts getan. Wo mein Nicht-Handeln Verrat an Jesus war. Und da sind Ereignisse, wo ich nur mich im Blick hatte und meinen Vorteil gesucht habe. Wo mein Reden und Tun Verrat an Jesus war. Bin es etwa ich? So musste es wohl auch Petrus gegangen sein, unserem Wortführer. Petrus, der stets mutig und selbstsicher voranging. Petrus, den Jesus als Fels bezeichnet hat, auf den er seine Kirche bauen wollte. Jetzt war er eher kleinlaut und still. Mit einer Geste gibt er dem Lieblingsjünger zu verstehen, dass dieser fragen soll. Pah! Er schickt den anderen vor, um nicht selbst in den Blickpunkt zu geraten. Das hätte auch von mir sein können! Schnell mal in unangenehmen Situationen, wen anderen schicken, um sich selbst im Hintergrund halten zu können und nicht in das Schussfeld zu geraten. Schnell den schicken, der einen guten Draht zum anderen hat. Und der Lieblingsjünger, der der ganz nah an Jesu Seite war, lässt sich vor den Karren spannen. Er neigt sich zu Jesus und fragt: „Herr, wer ist es denn?“ Oh, Mann! Auch das könnte ich sein. Auch ich lasse mich manchmal ausnützen und gebe mich für etwas her, dass gar nicht meine Sache ist. „Herr, wer ist es denn?“ Diese Frage steht im Raum und alle sehen gespannt auf Jesus. Was wird er antworten? Wird er einen Namen nennen? Jesus blickt in die Runde und reagiert völlig überraschend. Er sagt: „Der, für den ich das Brotstück eintauche und dem ich es dann geben werde.“ Warum macht das Jesus? Warum reicht er dem, der ihn dann verrät und ausliefert ein Stück Brot? Ich verstand es damals nicht und schüttelte verwundert den Kopf. Immer wieder habe ich mir diese Szene vor Augen geführt. Und langsam beginne zu ahnen und zu begreifen: Jesus reicht Judas das Brot und lädt ihn damit zum Mahl ein. Er möchte ihn zu verstehen geben: du gehörst doch zu mir, du hast Anteil an meinem Leib, der in diesem Brot ist. Jesus schließt ihn nicht aus der Gemeinschaft aus. Er will ihm sagen: Du gehörst dazu, so wie du bist. Mit allem Dunklen in dir, mit allem Gebrochenem und Zerbrochenem; mit allen Tiefen und Schattenseiten des Lebens, mit allem, was die Nacht umhüllt. Ist das nicht ein tröstlicher Gedanke. Auch in den Einsetzungsworten, die wir beim Abendmahl hören, ist immer auch der Verrat genannt – ohne Judas zu nennen: In der Nacht, da Jesus verraten ward…. Denn verraten wird Jesus immer wieder, da, wo wir eigene Wege gehen. Und trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen lädt Jesus zu seinem Mahl ein. Dem Mahl, das für Vergebung steht, für die neue Schöpfung und für Gemeinschaft. Jesus reicht Judas das Brot. Judas also – der unter uns, den wir für vertrauenswürdig und loyal gehalten haben. Der, dem wir unser Geld zu Verwaltung anvertraut haben und das er in einem Beutel mit sich führte. Der, der jetzt noch dabei ist, wo sich viele schon abgewendet haben und es eng um Jesus wird. Judas – einer von uns. Immer wieder frage ich mich, warum er das gemacht hat. Ich weiß es nicht. Ich habe es nie verstanden. So, wie ich vieles noch nicht verstehe. Ich weiß nur, dass auch ich manchmal Petrus bin, oder der Lieblingsjünger oder auch Judas. Das habe ich begriffen. Und lerne daraus. Jeden Tag. Und Judas? Judas nahm das Brot. Und mit dem Bissen im Mund ging er hinaus in die Dunkelheit der Nacht, in die Dunkelheit des Geschehens der Passion, in die Dunkelheit seines Lebens. Ja, es war Nacht. Aber ich weiß, dass in der Mitte der Nacht ein neuer Tag beginnt. Ich weiß, dass nach der Nacht ein Morgen folgt. Ich weiß um den Ostermorgen. Und ich weiß um das Versprechen, dass es keine Nacht mehr geben wird (Offb. 22,5a), wenn Gott wiederkommt. Mit dieser Gewissheit gehe ich getrost in diesen Tag und in die Nacht und in alle Tage und Nächte.

Amen