Gottesdienst am 18.07.2021 7. So. n. Trinitatis

Predigt zum 7. Sonntag nach Trinitatis

1. Mose 28, 10ff.

JAKOB SCHAUT DIE HIMMELSLEITER

10Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran 11und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen. 12Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder.

 13Und der Herr stand oben darauf und sprach: Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. 14Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und 

du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. 15Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.

16Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht! 17Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels. 

18Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf 19und nannte die Stätte Bethel; vorher aber hieß die Stadt Lus.

20Und Jakob tat ein Gelübde und sprach: Wird Gott mit mir sein und mich behüten auf dem Wege, den ich reise, und mir Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen 21und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der Herr mein Gott sein. 22Und  dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem Steinmal, soll ein Gotteshaus werden; und von allem, was du mir gibst, will ich dir den Zehnten geben.

DER GOTT DER FINDLINGE

Ein kopfgroßer Stein,
ein Findling,
aufgestellt irgendwo, im Nirgendwo
auf einer staubigen Straße im Vorderen Orient.
Das ist einer der ersten Altäre, die dem Gott Israels gebaut wurden.
Findlinge, das sind große,
von Wind und Wetter rundgeschliffene Steine.
Sie wurden in der letzten Eiszeit von Gletschern verschoben.
Der Mensch, der aus dem Findling einen der ersten Altäre baut,
er ist kein besonderes frommer Mann.
Er ist nicht einmal ein besonders anständiger.
Er ist auch nicht hier an diese einsame Stelle gekommen,
um in Ruhe zu beten.
Jakob ist auf der Flucht.
Mit Betrügereien hat er zwar erreicht, was er wollte,
aber er hat damit auch seine Familie kaputt gemacht.
Und er hat das immer schon schwierige Verhältnis zu seinem Zwillingsbruder Esau zerstört.
Schon bei der Geburt wollte Jakob sich vordrängeln. damit er der Erstgeborene ist.
Es wird erzählt,  dass er den Bruder bei der Geburt an der Ferse festgehalten hat, damit der nicht zuerst geboren wird.
Und so bedeutet der Name Jakob: Fersenhalter.
Zuletzt hat Jakob seinem blinden, altersverwirrten Vater den Segen für den Erstgeborenen entlockt,
der eigentlich Esau zusteht.
Wir verstehen:Jakob ist kein besonders frommer Mann, nicht einmal ein besonders anständiger.
Jakob ist so einer,
der sich in der Impfreihenfolge vordrängelt, um schneller an der Reihe zu sein.
Einer, der das Datum auf einem Schnelltest nur um 1-2 Tage ändert, um einen Platz auf der Terrasse seines Lieblingslokals zu ergattern.
Jakob ist der Bruder,
der sich bei der Pflege der Eltern vornehm zurückhält, aber dann noch vor dem Bestatter in der Wohnung ist, um die Sparbücher beiseite zu schaffen,
weil er findet, dass sie bei ihm am besten aufgehoben sind.
Und Jakob ist einer, der jetzt gerade nicht mehr weiß, wie es hier weitergeht.
Er ist auf der Flucht vor einer zerbrochenen Vergangenheit.
Seine Zukunft  ist völlig unklar.
Er ist am Rande der Erschöpfung irgendwo im Nirgendwo,
wo der Staub der Straße seine Matratze ist
und ein Findling sein Kopfkissen.
Und vielleicht ist Jakob selber so ein Findling,
den seine eigene Eiszeit so vor sich her schiebt.
Findling war früher auch ein anderes Wort für„Findelkind“,
für ein kleines Kind ohne Namen, das irgendwo ausgesetzt und gefunden wurde.
Vielleicht fühlt sich Jakob genauso.
Allein, abgeschnitten von seiner Familie,
mit einer zerbrochenen Vergangenheit und einer unklaren Zukunft ausgesetzt, schutzlos im Straßenstaub.

Und dort findet er Gott, oder was noch wahrscheinlicher ist: dort findet Gott ihn.
Jakob schläft, und das heißt: Für den Moment haben seine Gedanken Pause.
Für den Moment hört er auf, die nächsten Dinge zu planen
und sich um seine Zukunft zu sorgen.
Für den Moment kann er sich nicht verteidigen.
Er kann auch nicht weglaufen.
Er muss seine Waffen ablegen und die Augen zumachen.

Wenn Menschen erzählen, dass sie in ihrem Leben Gott gespürt haben,
dann beschreiben sie oft ähnliche Situationen.
Wie sie am Boden lagen oder in ihrem Leben in eine Sackgasse geraten sind,
aus der sie keinen Ausweg sehen konnten.
Und auch Menschen, die nicht religiös sind,
kennen die Erfahrung,
dass sich über Nacht plötzlich Dinge ändern:
Man hat ein Problem oder
eine Frage,
auf die man keine Antwort findet –
und dann schläft man drüber und hat am nächsten Morgen plötzlich ein Lösung oder zumindest eine Ahnung, wie es weitergehen kann.

Was ist das, was Jakob da träumt?
Was erfährt er von Gott zwischen Findlingen im Straßenstaub?

Wir lassen die Bilder noch einmal vorüberziehen,
und geben Gott den Vertrauensvorschuss,
dass das,
was er Jakob da sagt und zeigt,
auch für uns wichtig sein könnte.
Wichtig zumindest für die von uns,
die sich auch manchmal wie Findlinge vorkommen, rumgeschoben, abgelegt, ausgesetzt.
Oder die, die eine Ahnung davon haben,
dass Jakob ihnen ähnlicher ist, als es ihnen lieb ist.

Im Traum sah Jakob eine Leiter,
die von der Erde bis zum Himmel reichte.
Auf ihr stiegen Engel Gottes hinauf und herunter.

Mir hätte das Bild allein vielleicht schon gereicht. Einmal zu sehen, dass es da eine Verbindung gibt zwischen Himmel und Erde. Einmal zu ahnen, dass da keine undurchdringliche Mauer ist zwischen uns und Gott.
Dass der Himmel durchlässig ist für unsere Gebete, unsere Träume, unser Lachen und Weinen.
Und dann noch zu sehen, dass auf dieser Treppe rege Betriebsamkeit herrscht.
Ein Auf und Ab.
Und zwar genau in der Reihenfolge:
Die Engel steigen erst rauf und dann wieder runter.
Ich hätte eigentlich gedacht,  
dass die Engel erst runtersteigen und wieder hinaufklettern.
Aber ich habe auch gelernt,
dass solche Kleinigkeiten, solche Formulierungen in der Bibel keine Zufälle sind. Und ich mag diesen Gedanken,
dass die Welt voll ist von Gottes Boten,
die ab und zu wieder in den Himmel hochklettern
und vielleicht ein paar unausgesprochene Gebete mit nach oben nehmen
und dann wieder runterkommen,
um das Ohr neben den schlafenden Findling zu legen
und um weiter in die Nacht zu lauschen.
Mir hätte das Bild vielleicht schon gereicht –
und dass ausgerechnet Jakob das sehen darf,
mit seiner ganzen verkorksten Vergangenheit und mit seinen zerbrochenen Beziehungen im Gepäck,
das finde ich faszinierend.
Aber es geht noch weiter.
Plötzlich steht Gott selbst da vor Jakob.
Nicht oben an der Himmelsleiter,
sondern unten im Staub.
»Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham
und der Gott Isaaks.
Das Land, auf dem du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben.
Sie werden so zahlreich sein wie der Staub auf der Erde.
Du wirst dich nach Westen und Osten,
nach Norden und Süden ausbreiten.
Und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Völker der Erde gesegnet sein.
Siehe, ich bin bei dir und behüte dich überall, wohin du auch gehst.

Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham
und der Gott Isaaks.
Jakob weiß also, wer dieser Gott ist.
Aber auch: Gott weiß, wer Jakob ist.
Er kennt seine Familie, und das bedeutet bei Jakob eben auch:
Gott kennt all die Dramen, die ihn hierher geführt haben,
all seine Betrügereien.
Aber Gott verliert darüber kein Wort.
Jakob erlebt das,
was auch andere Menschen erzählen,
wenn sie Gott begegnet sind.
Das, was Zachäus erlebt,
als Jesus ihn vom Baum runterholt.
Wenn Menschen Jesus oder Gott begegnen,
sind nicht ihrer Vergangenheit ausgeliefert, sondern sehen eine neue Zukunft vor sich.
Am nächsten Morgen baut Jakob, der Findling,
den Gott gefunden hat,
einen der ersten Altäre.
Er nimmt den Stein,
den er als Kopfkissen benutzt hat,
stellt ihn auf
und begießt ihn mit Öl.
Der Stein bleibt ein Findling,
ein kopfgroßer Stein irgendwo im Nirgendwo an einer staubigen Straße,
aber er markiert die Stelle, an der jemand erlebt hat:
Ich bin nicht allein.
Gerade in dieser schweren Situation hat sich Gott mir gezeigt.
Darum soll dieser Ort Beth-El heißen, Haus Gottes.
Der, der diesen Altar gebaut hat, ist kein besonders frommer Mann,
auch kein besonders anständiger,
und er bleibt auch im weiteren Verlauf der Geschichte jemand,
der feilscht und handelt und kämpft,
mit seinem Schwiegervater Laban,
und sogar auch mit Gott selbst.
Aber das ändert nichts an der Verheißung,
nichts an seiner Zukunft, und nichts an Gottes Versprechen:
Ich bin da.
Ich bin der Gott der, der deine Geschichte kennt, deine Tricksereien und Abkürzungen,
aber ich Gott,
lege dich nicht darauf fest.
Ich begegne dir dort,
wohin dich deine eigene Eiszeit verschoben hat.
Ich komme zu dir in den Staub kommt und zeige dir den offenen Himmel.
Ich bin ein Gott der Findlinge, der das Verlorene sucht und nach Hause bringt.
An diesen Gott glaube auch ich.
Amen.

Pfarrerin Snewit Aujezdsky