Gottesdienst am 01.05.2022 Misericordias Domini

Predigt zum ersten Mai 2022
von Pfarrerin Snewit Aujezdsky:

Von Maria, der Mutter von Jesus,
hören wir meistens im Advent.
Ich will heute den 1. Mai als Tag der Maria nutzen,
und Maria in den Mittelpunkt stellen.Maria, eine junge Frau, wird schwanger,

und versteht nicht so ganz, wie und warum.
Sie entscheidet sich für ihr Kind
und sie geht zu Elisabeth, die auch schwanger ist.
In dem Lied heißt es:
Maria durch ein Dornwald ging.
Ein Wald aus Dornen ist nicht Angenehmes.
Man zerreißt sich leicht die Kleider.
Man ritzt sich die Haut auf.
Eine junge Frau, unverheiratet und schwanger,
egal ob heute oder damals vor 2000 Jahren,
da bleiben viele Fragen offen,
da kommen Sorgen hoch,
da ist es gut, wenn man mit jemandem reden kann.
Maria geht zu Elisabeth zum Reden.

Und als sie wieder nach Hause zurückkehrt,
da ist Maria ruhiger als vorher.
Jetzt kann sie Gott danken dafür,
dass Gott in ihr wachsen und groß werden darf.

Hoch schwanger muss sich Maria mit Josef
auf den Weg nach Bethlehem machen.
Und dort kommt in einem Stall ihr Kind zur Welt.
Und ich denke dabei an die Mütter,
die Kinder, die in den letzten 6 Wochen
im Krieg in der Ukraine ihre Kinder geboren haben,
die in Kellern versteckt mit ihren Säuglingen leben,
die von einer ersten stolzen Ausfahrt mit dem Kind
unter den frisch austreibenden grünen Bäumen
nur träumen können.

Ich bin ein Maikind, geboren im Mai.
Vielleicht ist das auch der Grund,
dass ich den Mai so liebe.
Das frische Grün.
Die Kirschblüten in Rosa,
der Duft von allem, was aufblüht,
die Temperaturen schon angenehm warm,
aber nicht zu heiß.

Maria kann sich nicht lange ausruhen.
Die junge Familie flieht nach Ägypten.
Aus Angst, dass ein neuer König geboren wurde,
sollen alle kleinen Jungs bis zu einem Jahr alt
getötet werden.
Und ich denke dabei an die Angst aller Mütter,
in allen Ländern der Welt,
und zu allen Zeiten,
wo Krieg, Hunger und Not herrscht.
Ich denke an die Angst,
wie man das neu geborene Leben beschützen kann.

Als Jesus älter wird,
kommt neue Angst dazu.
Jesus ist als Teenager in Jerusalem verloren gegangen,
als die Familie dorthin gegangen ist,
um das Passah-Fest zu feiern.
Diese Angst kenne ich gut.
Wenn sich meine eigene Tochter einfach nicht meldet.
Wenn es später wird, als verabredet.
Das eigene Mutterherz ist immer irgendwie in Sorge,
auch wenn die eigenen Kinder
groß und erwachsen werden,
die Sorge bleibt.

Und natürlich läuft es auch nicht immer rund und der Beziehung zu den eigenen Kindern.
Als Jesus in Jerusalem
nach 3 Tagen im Tempel gefunden wird,
da wird er auch noch frech und sagt:
Ihr hättet doch wissen können,
dass ich hier bei meinem Vater im Tempel bin.

Als Maria ihren Sohn besuchen möchte,
da lässt er sie einfach vor der Türe stehen
und teilt ihr mit, dass seine neue Familie
seine Freunde sind und nicht seine Ursprungsfamilie
und dass er jetzt keine Zeit für sie hat.

Oder bei der Hochzeit von Kanaa.
Als Maria feststellt, dass kein Wein mehr da ist,
mault Jesus seine Mutter an:
Was geht dich das an, Mutter?
Auch das kenne ich gut,
dass ich immer mal wieder versucht bin,
mich in das Leben meiner Tochter einzumischen
und dass mir dann Grenzen gesetzt werden.
Gut so.
Aber irgendwie fühlt man sich eben ein Leben lang für das eigene Kind verantwortlich.

Und dann muss Maria erleben,
dass ihr Kind am Kreuz stirbt.
Ein Schmerz, den jede Frau nachempfinden kann,
die ein Kind verloren hat.
Ein Schmerz, der leichter wird, im Laufe der Zeit,
aber ein Schmerz, der bleibt,
mit dem man lernen muss zu leben.

Wir Evangelischen beten nicht zu Maria.
Wir beten nicht: „Mutter Gottes, bitt für uns!“
Wir beten zu Gott.
Und wir beten zu Jesus.
Und doch glaube ich,
dass es gut ist, dass wir
nicht nur die Geschichten von Jesus kennen,
sondern auch die Geschichten von seiner Mutter Maria.

Denn in dem, was Maria in ihrem Leben durchgemacht hat,
kommt sie uns auch in unserem Leben nahe,
manchmal vielleicht näher als Jesus,
der ja selbst keine Kinder gehabt hat.
Da sind Streit, Sorgen und Schmerz.
Alles das, was menschlich ist unter Menschen.
Darin ist mir Maria nahe.

Fremd wird mir Maria allerdings dort,
wo man sie auf den Thron setzt,
wo man ihr eine Krone aufsetzt,
als Himmelsgöttin.
Wo Maria helfen soll,
als Knotenlöserin,
als Schutzmantelmadonna.
Wo Menschen sich unter den Schutz
von Marias Mantel stellen,
oder wo sie als die reine Jungfrau verehrt wird.

Jesus ist ein Mensch aus Fleisch und Blut,
geboren von seiner Mutter Maria,
auch eine Frau aus Fleisch und Blut.
Als Frau bin dich dankbar,
dass ich in Maria eine Frau gefunden habe,
die vielleicht ähnlich gedacht und gefühlt hat,
wie ich auch.

Ich bin auch dankbar darüber,
dass in unserer Bibel Geschichten stehen,
dass es zwischen Jesus und seiner Mutter
Meinungsverschiedenheiten gab,
wie eben überall, wo Menschen zusammen leben.
Ja ich bin dankbar,
dass ich von meiner Geburt im Mai
über das Muttersein
bis hin zu Fragen von Streit, Schmerz und Tod
immer wieder Geschichten und Worte in der Bibel finde,
die mich durchs Leben tragen.

Ich kann sagen, ich habe sie alle drei lieb:
Jesus, Maria und die Bibel.
Und so bete ich zum Schluss:

Gott, versprich mir heute neu,
du bist bei mir alle Tage:
Bis du die Welt und mich mit dir verbandelt hast.

Wie bei einem Stück Stoff
wirst du meine letzten Fransen behutsam einflechten,
wirst mein Leben einschlagen
in den Saum der aller letzten Dinge.

Dein Segen aber wird sein
wie ein goldener Faden,
der sich durch all meine Tage zieht.

Und bis der Stoff,
aus dem meine Träume sind, endet,
lebe und webe und bin ich in dir.
Amen.