Aktuelle Predigt

Der dumme Nagel -
Predigt am 5. Sonntag nach Trinitatis
Pfarrerin Snewit Aujezdsky

„Den blöden Nagel muss ich irgendwann mal auf der Wand ziehen!“,
denke ich,
als ich die Kellertreppe runterlaufe,
um Getränke zu holen.

Der blöde Nagel stört mich schon seit meinem Einzug.
Leicht verbogen steht er fast 2 Zentimeter aus der Wand.
„Irgendwann bleib ich da mal hängen!“
Denke ich.
Aber der Werkzeugkoffer mit der Zange liegt in der Garage unter der Bohrmaschine und dem Schraubenkistchen.
Jetzt extra rüber laufen?
Ach nee. Mach ich später.
„Wenn ich das nächste Mal sowieso die Zange in der Hand habe,
Dann ziehe ich den blöden Nagel auch gleich aus der Wand!“, denke ich.

Zwei Jahre später ist der Nagel immer noch in der Wand –
und jedes Mal, wenn ich an ihm vorübergehe, dann denke ich:
„Den blöden Nagel muss ich irgendwann mal auf der Wand ziehen“
Noch ein Jahr vergeht.
Ich musste mir eine neue Waschmaschine kaufen.
Zwei Freunde haben mir geholfen,
das schwere Ding in den Keller zu tragen.
Auf der Kellertreppe kommen sie kurz ins Stolpern, aber zum Glück:
Nichts Schlimmes ist passiert,
die Waschmaschine kommt heil unten an.
Als wir und verabschieden,
sehe ich, dass das T-Shirt meines Freundes einen Riss hat.
„Nicht so schlimm, ich bin auf der Treppe an einem Nagel hängengeblieben“, sagt er.
Ich schäme mich
und ärgere mich fürchterlich
über mich selbst.
Dann gehe ich in die Garage
und hole die Zange
und ziehe den Nagel raus.
Es dauert alles in allem etwa 4 Minuten. Und ich denke mir:
„Warum habe ich das denn nicht gleich gemacht?“

Ich nehme an, Sie kennen solche Situationen bei sich selbst auch.–
Dass man Dinge länger und länger vor sich herschiebt.
Das können so Sachen sein, wie
den Keller aufräumen,
zum Zahnarzt gehen,
ein lästiger Anruf oder
die Steuererklärung.
Wenn ich das erledigt habe,
geht es mit deutlich besser
Und ich denke:
War doch gar nicht schlimm.
Warum habe ich das nicht schon längst erledigt?
– aber oft macht man es eben auch nicht und denkt sich:
„Nächste Woche habe ich mehr Nerven dafür“,
oder „wenn ich mehr Zeit habe, dann…“ – und dann schiebe ich es Woche um Woche vor mir her.
Und irgendwann kommt man dorthi , dass man denkt:
„Jetzt habe ich es so lange nicht gemacht,
da kommt es jetzt auf ein paar Wochen auch nicht mehr an…“

Es können aber auch große, lebensverändernde Sachen sein:
„Ich weiß, ich esse zu viel und treibe zu wenig Sport.
Das muss ich dringend ändern“
„Mein Beruf macht mich krank,
ich bin immer müde und habe auf nichts mehr so richtig Lust. Ich sollte endlich kündigen und mir was Neues suchen“.
Oder: „Ich halte es zuhause bald nicht mehr aus.
Irgendwas muss sich dringend ändern, sonst gehe ich kaputt.“

So viele Menschen sind in ihrem Leben unglücklich.
Sie spüren, dass sich etwas ändern muss,
dass es so nicht mehr weitergehen kann,
dass sie keine Kraft mehr haben – und doch ändern sie nichts.

„Fahre hinaus, wo es tief ist,
und wirf deine Netze zum Fang aus!“, sagt Jesus zu Petrus.
Petrus ist frustriert,
wieder nichts gefangen,
wieder umsonst gearbeitet,
so kann es nicht weiter gehen?

Und Jesus kommt einfach her und sagt: „Fahre hinaus, wo es tief ist, und wirf deine Netze zum Fang aus“
Spannend an unserer Geschichte ist: Petrus macht es.
Er diskutiert nicht,
er sagt nicht, dass er 15 Jahre Berufserfahrung hat
und sich von einem Zimmermann nichts sagen lässt –
er tut einfach, was Jesus sagt.

Vielleicht ist er dankbar,
dass jemand von außen in sein Leben kommt und ihm sagt:
„Komm schon, versuchs nochmal!“
Ein kleiner Anstoß!
Und Petrus, der frustriert am Ufer rumgesessen ist, wird tut, was Jesus sagt.
Und nachdem er einen unglaublichen Fang gemacht hat,
nimmt sich Petrus ein Herz.
Er kündigt sein Lebenals Fischer,
er ändert sein Leben,
er fängt noch einmal von vorne an.

Fahre hinaus, wo es tief ist, und wirf deine Netze zum Fang aus!
Mehr war es nicht.
Ein kleiner Anstoß,
ein aufmunternder Satz.
Petrus hat darauf gewartet.
Dass sich endlich was ändert.
Dass er sich endlich aufrafft.
Tief in seinem Inneren weiß Petrus schon lange,
dass er etwas ändern muss.
Er hat es nur einfach nicht getan.
Bis Jesus kommt.

Wenn sich mein Freund nicht das T-Shirt eingerissen hätte,
hätte ich den Nagel vermutlich nie aus der Wand gezogen.
Ich wäre Tag für Tag an dem Nagel vorbeigegangen und hätte mich geärgert.
Es muss halt immer erst etwas passieren, dass wir etwas ändern. Warum eigentlich ist das so?

Nach einem Unfall,
einer Krankheit,
wenn jemand stirbt,
wenn man seine Arbeit verliert,
wenn ein schwelender Konflikt nach Jahren eskaliert …
dann werden wir aktiv.
Dann denken wir über unser Leben nach, dann ändern wir vielleicht was,
dann raffen wir uns auf und sagen:
Jetzt reicht es! Jetzt pack ichs an!
Jetzt ändere ich mein Leben! … und oft genug tun wirs dann doch nicht.

Es gibt nur einen Grund,
in deinem Leben etwas zu verändern,
und der heißt:
Ich halte es einfach nicht mehr aus.

„Fahre hinaus, wo es tief ist, und wirf deine Netze zum Fang aus!“,
sagt Jesus auch zu uns.
„Trau dich! Du schaffst das!
Ich glaub an dich!“
Jesus kommt zu uns.
Er sieht, dass wir tief in uns schon wissen,
was wir in unserem Leben ändern müssen –
und tun es einfach trotzdem nicht.
Und er sagt:
Fahre hinaus, wo es tief ist,
und wirf deine Netze zum Fang aus!

Brauchen Sie einen Anstoß,
um aktiv zu werden?
Da ist er!
Jesus kommt in unser Leben und sagt: Los jetzt! Fahre hinaus, wo es tief ist, und wirf deine Netze zum Fang aus!
Manchmal braucht es nur einen Anstoß.
Warum nicht dieses Moment jetzt?

Und wenn Sie nachher nach Hause kommen,
dann gehen Sie sich in die Garage,
holen die eine Zange und ziehen endlich den dummen Nagel aus der Wand!
Amen