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Predigt zum Sonntag, den 24. Mai 2020, Exaudi

 

Pfarrerin Snewit Aujezdsky 

Jeremia 31,31-34
 
31. Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, 
da will ich mit dem Hause Israel 
und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, 
 
32. nicht wie der Bund gewesen ist, 
den ich mit ihren Vätern schloss, 
 
 
als ich sie bei der Hand nahm, 
um sie aus Ägyptenland zu führen, 
mein Bund, den sie gebrochen haben, 
ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr; 
33. sondern das soll der Bund sein, 
den ich mit dem Hause Israel schließen will 
nach dieser Zeit, spricht der Herr: 
Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben 
und in ihren Sinn schreiben, 
und sie sollen mein Volk sein, 
und ich will ihr Gott sein. 
34. Und es wird keiner den andern 
noch ein Bruder den andern lehren und sagen: 
„Erkenne den Herrn“, 
denn sie sollen mich alle erkennen, 
beide, Klein und Groß, 
spricht der Herr; 
denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben 
und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.
 
1. „Tick, tack, tick, tack"
höre ich die Uhr im Wartezimmer der Notaufnahme im Klinikum. 
Gleich in der früh nach den Feiertagen fahre ich dorthin. 
Es geht mir nicht gut. 
Ich sitze schon lange,
4 Stunden sind inzwischen vergangen. 
Es wird voller und voller. 
Ein Krankenwagen nach dem anderen bringt Schwerkranke.
Sicher, ich kann verstehen,
dass diese vor mir dran sind.
Aber warten ist nicht schön.
Ich spüre, 
wie die Ungeduld in mir aufsteigt.
Wann ist es endlich soweit?
Und die Uhr antwortet:
„Tick, tack, tick, tack."
 
2. Unser heutiger Sonntag ist ein bisschen wie ein Tag im Wartezimmer.
Am Donnerstag ist Jesus von Wolken eingehüllt in den Himmel geschwebt.
Christi Himmelfahrt nennen wir diesen Tag.
In dem Abendgottesdienst haben wir darüber nachgedacht, 
was der Himmel eigentlich für jede und jeden von uns bedeutet. 
Und als wir im Anschluss an den Gottesdienst noch in großem Abstand beieinander saßen 
und zusammen gegessen und getrunken haben, 
da war es für mich nach der langen Zeit, 
in der wir das nicht gemacht haben,
ein bisschen wie im Himmel. 
Nach der Himmelfahrt ist Jesus 
für seine Freundinnen und Freunde nicht mehr greifbar.
Aber bevor Jesus ging,
hat er ihnen gesagt:
Seid nicht traurig!
Ich schicke euch den Heiligen Geist.
Er soll euch trösten.
Und ihr werdet merken,
Es kommt wieder eine andere Zeit. 
Bis dahin wartet ab.
Und stellt euch darauf ein:
Es kann dauern.
Stunden, Tage, Monate, Jahre, wer weiß?
Also Hoffnung einerseits,
aber auch Unsicherheit und Enttäuschung.
Muss denn dieses ewige Warten sein?
Kann das nicht alles ein bisschen schneller gehen?
Wann endlich ist es soweit?
Das macht mich mürbe und müde,
und ich vermute, Sie und euch alle auch.
und bei den Jüngern von Jesus war das wohl auch so.
Und die Uhr macht: "Tick, tack, tick, tack".
 
3. Die Corona-Zeit kommt mir auch wie ein Wartezimmer vor.
Ich sitze da und warte ungedulig auf Nachrichten, dass alles wieder so wird wie vorher,
Und doch sagt etwas in mir, 
Dass es nicht mehr so sein wird wie vorher. 
Ich male mir aus, 
was alles sein kann und wird:
Wann ich wieder ohne Maske einkaufen darf.
Wann wir uns alle von der Familie sehen werden.
Wann ich wieder ein Fest feiern kann mit vielen Freunden.
Wann alle unsere Gruppen und Kreise 
in der Gemeinde wieder stattfinden können. 
Ja, ich hoffe und wünsche,
dass das Warten bald ein Ende hat.
Ich weiß, die Zeit wird kommen.
Nur wann? Und die Uhr tickt weiter.
 
4. Trostbüchlein nennt man die beiden Kapitel aus dem Jeremiabuch, 
in denen Gott immer auch wieder sagt:
Siehe, es kommt die Zeit.
Siehe, es kommt die Zeit,
dass ich das Geschick meines Volks wenden will.
Siehe, ich will dich erretten.
Ich will dich gesund machen und deine Wunden heilen.
Siehe, die Stadt soll auf ihren Trümmern wieder gebaut werden.
 
Heute wissen wir,
dass Gott diese Verheißungen erfüllt hat,
damals, vor zweieinhalbtausend Jahren.
Die Israeliten durften heimkehren aus dem Exil.
Mit viel Mühe haben sie das Land wieder besiedelt.
haben die Stadt Jerusalem wieder aufgebaut.
Aber das Leben war nicht wie vorher.
Sie hatten weniger Geld und mehr Arbeit.
Immerhin hatten sie Heimat, Freiheit, und Perspektiven.
Und sie hatten Gott,
der sie durch die schwere Zeit begleitet hatte.
Gott, der sagt:
Siehe, es kommt die Zeit.
 
5. Moment mal.
Ich höre da wieder die Uhr ticken?
Sitzt Gott etwa auch im Wartezimmer?
Da klingt doch göttliche Ungeduld durch, oder?
Gott kann es nicht erwarten,
dass Menschen nach seinen Geboten,
und im festen Vertrauen auf ihn, leben.
Völlig verständlich.
Gott braucht schon einen sehr langen Atem mit uns Menschen. 
 
Siehe, es kommt die Zeit, sagt Gott,
da ändere ich die Herzen der Menschen.
Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben
und in ihren Sinn schreiben,
und sie sollen mein Volk sein,
und ich will ihr Gott sein.
Und auf einmal ahne ich,
dass die Zeit im Wartezimmer
vielleicht gar keine verlorene Zeit sein muss.
Vielleicht ist es eine Zeit, 
um zur Ruhe zu kommen, 
zur Besinnung, 
war mir wirklich wichtig ist,
wer und was mir fehlt.
Und ein Tröster wird uns geschickt:
Der Heilige Geist.
Nächsten Sonntag, 
an Pfingsten ist es soweit.
Eine Woche sitzen wir noch im Wartezimmer. 
Und die schlägt weiter: 
„Tick, tack, tick, tack."
Aber Gott sitzt mit uns im Wartezimmer.
Und mit ihm so viele Möglichkeiten,
diese Zeit zu nutzen. 
 
Amen.