Aktuelle Predigt

Predigt am 15. Sonntag nach Trinitatis

Pfarrerin Snewit Aujezdsky
Predigttext: 1. Mose, Kapitel 1 + 2

1. Mose, 1,27-28
27 Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.
28 Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan

1. Mose 2,7-8.21-22
7 Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.8 Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte.

21 Da ließ Gott der HERR einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und er nahm eine seiner Rippen und schloss die Stelle mit Fleisch.22 Und Gott der HERR baute eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm.23Da sprach der Mensch: Die ist nun Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist.

Ich will heute die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Adichie eine Zeitlang erzählen lassen. Sie ist nicht hier bei uns, aber das, was sie von sich erzählt hat, will ich Ihnen weiter erzählen. Denn es hat mich sehr fasziniert und ich habe mich auch bei manchen Dingen ertappt gefühlt. Es hat mir auch geholfen, manches besser zu verstehen:
Sie schreibt:
"Ich bin nur eine Geschichtenerzählerin. Und ich möchte Ihnen ein paar persönliche Geschichten erzählen, über das, was ich "Die Gefahr der einzigen Geschichte" nenne. 
Ich bin auf einem Universitätsgelände in Nigeria aufgewachsen.
Ich fing früh an zu lesen.
Und was ich las, das waren britische und amerikanische Kinderbücher.
Ich fing auch früh an zu schreiben.
Und als ich mit etwa 7 Jahren anfing zu schreiben, mit Bleistift geschriebene kleine Geschichten mit Buntstiftbildern,
da schrieb ich genau diese Art von Geschichten, die ich las:
All die Menschen, über die ich schrieb, waren weiß und blauäugig.
Sie spielten im Schnee.
Sie aßen Äpfel.
Und sie sprachen viel über das Wetter – wie schön es war, dass die Sonne herauskam.
Dabei lebte ich in Nigeria, wo fast immer die Sonne schien.
Ich war niemals außerhalb Nigerias gewesen.
Wir hatten keinen Schnee.
Wir aßen Mangos.
Und wir sprachen niemals über das Wetter, weil das nicht nötig war.
Die Menschen, über die ich schrieb, tranken Ingwer-Limonade,
weil die Menschen in den britischen Büchern, die ich las, Ingwer-Limonade tranken.
Dabei wusste ich gar nicht, was Ingwer-Limonade ist und hätte sie so gerne einmal probiert.

Diese Geschichte zeigt, wie beeinflussbar wir sind, besonders als Kinder.
Da alles, was ich gelesen hatte, Bücher waren, in denen die Personen Ausländer waren, war ich davon überzeugt, dass Bücher Ausländer enthalten mussten.
Und sie mussten von Dingen handeln, mit denen ich mich nicht identifizieren konnte.
Dies änderte sich, als ich afrikanische Bücher entdeckte.
Da erkannte ich, dass Menschen wie ich, ein Mädchen mit schokoladenbrauner Haut und krausen Haaren, die sich zu keinem Pferdeschwanz binden ließen, auch in Büchern existieren konnten.
So begann ich, über Dinge zu schreiben, die in meiner Welt vorkamen.
Die Entdeckung afrikanischer Autoren machte mit mir folgendes:
Sie rettete mich davor, nur eine einzige Geschichte zu kennen über Bücher.
Ich stamme aus einer normalen nigerianischen Familie der Mittelklasse. Mein Vater war Hochschullehrer.
Meine Mutter war Verwaltungsangestellte.
Und bei uns lebten, wie es üblich war, Hausangestellte, die oft aus den umliegenden Dörfern kamen.
In dem Jahr, in dem ich acht wurde, bekamen wir einen neuen Angestellten. Sein Name war Fide.
Das einzige, was meine Mutter uns über Fide erzählte, war, dass seine Familie sehr arm war.
Meine Mutter schickte Süßkartoffeln und Reis und unsere alten Kleider zu seiner Familie.
Und wenn ich mein Abendessen nicht aufaß, sagte meine Mutter: "Iss dein Essen auf! Ist dir nicht klar, dass Menschen wie die Familie von Fide nichts haben."
Deshalb hatte ich großes Mitleid mit Fides Familie.
Dann, an einem Samstag, besuchten wir sein Dorf.
Und seine Mutter zeigte uns einen wunderschön geflochtenen Korb aus gefärbtem Bast, den sein Bruder gemacht hatte.
Ich war überrascht.
Es wäre mir wirklich nicht eingefallen, dass jemand aus seiner Familie irgendetwas herstellen kann.
Alles, was ich über sie gehört hatte, war, wie arm sie waren, so dass es für mich unmöglich geworden war, sie als irgendetwas anderes zu sehen als arm. Ihre Armut war die einzige Geschichte von ihnen, die ich kannte. Ich kam nicht auf die Idee, dass jemand arm sein kann, und zugleich kunsthandwerklich sehr begabt.

Jahre später verließ ich Nigeria, um in den USA zu studieren. Ich war 19.
Meine amerikanische Zimmergenossin war mit mir überfordert.
Sie fragte mich, wo ich so gut Englisch zu sprechen gelernt hatte, und war verwirrt, als ich ihr sagte, dass in Nigeria Englisch zufälligerweise die Amtssprache ist.
Sie fragte, ob sie meine "Stammesmusik" hören darf – und war dementsprechend sehr enttäuscht, als ich meine Kassette von der englisch singenden Mariah Carey hervorholte.
Sie nahm an, dass ich nicht wusste, wie man einen Herd bedient.
Was mich wirklich betroffen machte:
Sie hatte Mitleid mit mir, bevor sie mich überhaupt gesehen hatte.
Ihre Grundhaltung mir gegenüber als Afrikanerin war eine Art gönnerhaftes, gut meinendes Mitleid.
Meine Zimmergenossin kannte nur eine einzige Geschichte über Afrika. Diese einzige Geschichte enthielt keine Möglichkeit für Afrikaner, ihr in irgendeiner Weise ähnlich zu sein.
Es gab für sie so keine Möglichkeit für vielschichtigere Gefühle als Mitleid.
Es gab für sie auch keine Möglichkeit für eine Beziehung zu mir als gleichberechtigtem Menschen.
Ich muss erwähnen, dass ich mich, bevor ich in die USA kam, nie bewusst als Afrikanerin identifiziert hatte.
Aber in den USA wendeten sich die Menschen an mich, wann immer es um Afrika ging.
Auch wenn ich nichts über Orte wie Namibia wusste, weil ich nur Nigeria kannte.
Aber ich begann, diese neue Identität anzunehmen.
Und in vielerlei Hinsicht bezeichne ich mich nun als Afrikanerin.
Obwohl ich immer noch ziemlich ärgerlich werde, wenn Afrika als ein Land bezeichnet wird. Denn jedes Land in Afrika ist für sich ganz anders.

Nachdem ich also einige Jahre in den USA als Afrikanerin verbracht hatte, begann ich die Reaktion meiner Zimmergenossin auf mich zu verstehen. Wäre ich nicht in Nigeria aufgewachsen, dann würde auch ich vielleicht auch denken, dass Afrika ein Ort mit wunderschönen Landschaften, wunderschönen Tieren und unergründlicher Menschen ist,
die sinnlose Kriege führen,
die an Armut und AIDS sterben,
die unfähig sind, für sich selbst zu sprechen,
und die darauf warten, von einem freundlichen, weißen Ausländer gerettet zu werden.
Ich würde Afrikaner auf die gleiche Weise betrachten, wie ich als Kind Fides Familie betrachtet hatte.

Und langsam wurde mir klar, dass meine amerikanische Zimmergenossin während ihres Lebens immer nur unterschiedliche Versionen dieser einzigen Geschichte gehört und gesehen haben musste.
Genau wie dieser Professor, der mir einmal sagte, dass mein Roman, den ich geschrieben hatte, nicht "authentisch afrikanisch" sei.
Der Professor sagte mir, dass die Personen in meinem Roman ihm, einem gebildeten Mann aus der Mittelschicht, viel zu sehr ähnlich waren.
Sie fuhren Autos.
Sie hungerten nicht.
Deshalb waren sie nicht authentisch afrikanisch.

Aber ich muss schnell hinzufügen, dass auch ich in der Frage der einzigen Geschichte in so eine Falle getappt bin. Vor ein paar Jahren reiste ich aus den USA nach Mexiko. Das politische Klima in den USA war damals angespannt. Und es gab andauernde Einwanderungsdebatten.
Und, wie so oft in Amerika, war Einwanderung gleichbedeutend mit Mexikaner.
Es gab unendlich viele Geschichten über Mexikaner als Menschen,
die das Gesundheitssystem schröpften, die sich über die Grenze stahlen,
die an der Grenze verhaftet wurden, und lauter solche Dinge.
Ich erinnere mich, wie ich an meinem ersten Tag in einer mexikanischen Stadt herumlief und beobachtete, wie die Menschen zur Arbeit gingen, wie sie auf dem Marktplatz Tortillas zusammenrollten, rauchten und lachten. Ich erinnere mich, dass ich zuerst ein wenig überrascht war.
Und dann war ich zutiefst beschämt.
Ich hatte erkannt, dass ich von diesen Medienberichten über Mexikaner so beeinflusst worden war, dass diese in meinem Kopf ausschließlich zu bedauernswerten Einwanderern geworden waren.
Ich glaubte die einzige Geschichte über Mexikaner und ich konnte nicht beschämt genug über mich sein.

So entsteht eine einzige Geschichte: man zeigt eine Seite eines Volkes, und nur diese eine Seite, immer und immer wieder, und dann wird diese Seite zur Identität für alle die, die immer nur das hören.
Wenn wir verstehen, dass es niemals nur eine einzige Geschichte gibt,
über keinen Menschen und keinen Ort, dann erobern wir ein Stück vom Paradies zurück."
Soweit die Worte von Amanda Adichie.

Die Geschichte von der Entstehung der Welt und der Entstehung des Menschen wird in der Bibel von verschiedenen Seiten erzählt.
Einmal wird der Mensch von Gott aus Erde wie eine Skulptur geschaffen. Erde heißt im hebräischen Adama. Und so versteht man, warum der erste Mensch in der Bibel Adam heißt. Adam, das ist der aus Erde gemachte. In dieser Geschichte geht es um die Erde. Und so soll Adam, der Mensch, der für alle Menschen auf dieser Erde steht, die Erde bewahren und beschützen.
Und dann gibt es in der Bibel die Geschichte, dass Gott aus der Rippe des Mannes ihm eine Gefährtin macht, nämlich die Eva. Eva ist auch hebräisch und bedeutet Leben, denn in Eva kann ein neues Leben entstehen und heranwachsen. Aber bis heute ist diese Geschichte so weiter erzählt worden, dass Eva immer schon die zweite war und der erste war Adam. Daraus wurden dann all die Ungerechtigkeiten, dass bis heute Frauen, die die gleiche Arbeit machen, wie die Männer, auch in unserer Zeit noch weniger verdienen, auch viel weniger in den Führungspositionen vertreten sind und dass die Meinung immer noch weit verbreitet ist, dass Frauen das nicht können und für Haushalt und Kinder kriegen bestimmt sind.
Darum: Lassen sie uns das Paradies zurückerobern, wenn wir die Geschichten von Mann und Frau als gleichberechtigte Geschlechter nebeneinander unseren Kindern und Enkelkindern erzählen, vorleben und miteinander leben und immer wieder an der Gleichberechtigung arbeiten. Amen